Rollenbilder sind gesellschaftlich konstruierte Vorstellungen darüber, wie Menschen in verschiedenen sozialen Gruppen sich verhalten sollten. Diese Vorstellungen basieren auf Geschlecht, Alter, Herkunft, Beruf, Religion und anderen Merkmalen. Sie beeinflussen unsere Erwartungen an das Verhalten von Personen und können unser Denken und Handeln stark prägen.
- Interview von Marlene Briner
Wie identifizierst du dich? Welche Pronomen verwendest du?
Ich verwende das Pronomen «sie».
Wie wurdest du sozialisiert? Welches Rollenbild hat dich am meisten geprägt?
Ich wurde weiblich sozialisiert, im Sinne von als «Mädchen» grossgezogen worden. In meinem persönlichen Umfeld habe ich sehr viele verschiedene Rollenbilder gesehen, denke aber trotzdem, dass ich in einem relativ klassischen Haushalt aufgewachsen bin.
Was ich noch weiss, ist dass meine Schwester und ich eine Playstation zu Hause hatten, was zu dieser Zeit eher unüblich war, da oft nur Freundinnen mit einem Bruder eine Playstation hatten. Geprägt hat mich eigentlich nichts, da ich mich immer wohl fühlte und gerne mit diesen Sachen spielte, die ich hatte.
Hatten diese Rollenbilder eine Auswirkung auf deine Berufswahl? Wenn ja, welche?
Ich ging an die PH und war dann für einige Zeit Lehrerin, was ein typischer Frauenberuf ist. Ich habe auch fast nur mit Frauen zusammen studiert und gearbeitet.
Gab es einen Unterschied bei der Betreuung von Mädchen* und Junge* in deinem Beruf?
Ich kann mir gut vorstellen, dass ich Mädchen* und Jungs* nicht gleich behandelt habe, da wir uns das so gewohnt sind, ich habe mich jedoch sehr damit beschäftigt und mich viel darüber informiert. Ein Sache, welche ich bewusst angewendet habe, ist dass ich nie von einer «Baby- oder Puppenecke» sprach, sondern von einer «Familienecke», damit sich dort auch die Jungs* wohlfühlen können. In dieser Ecke gab es vielseitige Angebote, wie ein Werkzeugkasten oder kleine Arbeitsplätze, damit sich jede*r angesprochen fühlt.
Ich wäre gerne mutiger gewesen und hätte in meiner Kindheit gerne mehr Selbstbewusstsein gehabt.
Wie geht du mit Anmerkungen/Vorurteilen zu Rollenbilder um?
Eine Freundin von mir, Mutter von einem jungen Kind, meinte Mal, dass der Freitag der Vatertag war, an dem das Kind dann die Gelegenheit habe mit dem Vater Blödsinn zu machen. Was für mich so viel heisst wie, dass der Vater das Kind nicht erziehen kann.
Es stört mich sehr, da es mich erstaunt wie viele Menschen doch noch nach so vielen Rollenbildern leben. Wenn es Läute sind, die mir nahe stehen, reagiere ich oft nicht, da ich sie nicht verletzen oder überfordern will. Es macht für mich auch einen Unterschied, ob das Vorurteil von einem Mann* oder von einer Frau* kommt. Mir ist klar, dass es auch Männer* gibt, welche sich sehr wohl mit diesem Thema auseinandersetzen, jedoch fällt es mir bei Männer* trotzdem leichter etwas zu sagen als bei Frauen*, da ich denke, dass sich Frauen auch mehr mit diesem Thema auseinandersetzen, weil es uns mehr, oder besser gesagt anders, betrifft. Noch dazu bin ich es mir auch mehr gewohnt, Anmerkungen dieser Art, mehr von Männern* zu hören.
Inwiefern haben dir zugetragene Rollenbilder das Leben erschwert?
Ich war ein sehr angepasstes und führsorgliches Kind, was sehr für die weibliche Sozialisation spricht. Da habe ich mich schon oft gefragt, ob dies mein Charakter ist oder ob ich das so gelernt habe. Ich wäre gerne mutiger gewesen und hätte in meiner Kindheit gerne mehr Selbstbewusstsein gehabt um auch mehr «nein» sagen zu können. Auch die weiblichen Schönheitsideale und das Konkurrenzdenken unter anderen Frauen* haben es mir nicht gerade leicht gemacht.
Falls ja, was würdest du brauchen, damit du dich fair behandelt fühlst?
Ein aktuelles Rollenbild, welches mich sehr stört, ist dass ich oft die Frage gestellt bekomme, wie es denn jetzt weitergeht mit Partner, heiraten oder Kinder? Da ist mir stark aufgefallen, dass diese Frage oft nur an Frauen* gewendet ist. Ein Weiteres ist, das Übernehmen von kleinen Aufgaben, an welche niemand denken würde, wie auf der Arbeit den Kühlschrank aufzufüllen oder Geburtstagskarten zu schreiben.
Was mir sehr viel Kraft gibt, ist das ich mir Leute suche, die gleichgesinnt sind.
Wie stellst du dir ein Leben ohne Rollenbilder vor?
Meine Wunschvorstellung wäre, dass sich Kinder das spielen können worauf sie Lust haben und sich vorher nicht die Frage stellen müssen, ob dies zu ihrem Geschlecht passt. Ich würde mir erhoffen, dass wir uns allgemein weniger vergleichen würden und uns mehr zugehörig fühlen können. So, dass man sich überall frei fühlen kann. Dafür braucht es viele Erwachsene, Eltern, Lehrpersonen, die als Vorbild vorangehen und sich die Fragen stellen: «Ziehe ich das an oder mach ich das, weil ich das mag oder weil die Gesellschaft das von mir erwartet?»
Gibt es auch Vorteile an Rollenbilder?
Ein Vorteil ist sicher, dass Rollenbilder viel Sicherheit geben, da unser Hirn auch ein stückweit so funktioniert, dass wir kategorisieren. Es gibt Kategorie Mann und Kategorie Frau und dazu passende Attribute. Wenn wir das machen, können wir damit «die Welt aufräumen», was uns dann auch diese Sicherheit und ein Überblick vermittelt.
Was hat sich in deinem Leben verändert seitdem du ein Bewusstsein für Rollenbilder entwickelt hast?
Seit dem ich mir diese Sachen überlege und sehe wie unfair das alles ist, hinterfrage ich vieles und fange viel an zu diskutieren. Ich habe mehr Verhandlungen, das ich mit Vielem nicht mehr einverstanden bin. Oft ist es ein Aushalten aber auch ein Intervenieren, was aber viel Energie benötigt. Doch anderseits gibt es mir ein Gefühl von Freiheit, dass alle Rollenbilder nur Illusionen sind und überhaupt nichts mit unserer «Natur» zutun haben. Es fühlt sich sehr befreiend an zu wissen, dass egal was ich mache oder wie ich mich anziehe, eine Frau bin und so sein kann wie ich bin.
Was würdest du jungen Frauen gerne aus deinen Erfahrungen mitgeben?*
Was mir sehr viel Kraft gibt, ist das ich mir Leute suche, die gleichgesinnt sind. Menschen, die mich verstehen und mit denen ich mich austauschen kann. Man muss diesen Rollenbildern überhaupt nicht entsprechen, damit man dazu gehört. Es sagt nichts darüber aus wer du bist und wie du dich identifizierst. Weiblichkeit sowie auch Männlichkeit ist ein Spektrum. Wenn du dich weiblich fühlst, dann bist du es auch. Alles andere spielt keine Rolle.
Marlene Briner